Salvador und die Bahia

Salvador ist laut, spannend und ueberraschend. Allein Busfahren ist ein Abenteuer. Das Lieniennetz und die Fahrzeiten funktionieren nach einem geheimnisvollen Plan, der sich Aussenstehenden nicht so leicht erschliesst. Fahrplaene gibt es nicht, welche Busse an der jeweiligen Haltestelle halten und deren Ziel ist nirgendwo ersichtlich. Da hilft nur nachfragen. Wenn man es geschafft hat und im richtigen Bus sitzt, meint man sich auf dem Nuerburgring zu befinden. Wer sich nicht festhaellt ist selber schuld. Eines unserer Ziele ist der Markt Sao Joaquin. In engen Gassen werden Obst, Gemuese, Haushaltswaren und Gewuerze verkauft. Besonders exotisch ist fuer uns der Fleischmarkt. Ungekuehlt werden, in vor Blut triefenden Holzbuden, Kuhaugen, Ziegenkoepfe, Innereien und die Geschlechtsteile der Ochsen angeboten. Es wimmelt von Fliegen und anderen interessanten Insekten. Na dann, guten Appetit!

Doch fuer einen Fuenfjaehrigen wird die Stadt schnell langweilig. Wir machen die Leinen los und segeln zehn Meilen zur Insel Itaparica in eine ganz andere Welt. Idyllisch liegt der Ankerplatz zwischen einer Sandbank und einem kleinen Ort. Es gibt eine Marina in der man kostenlos sein Dinghi parken und Wasser tanken kann. Das Wasser kommt aus der “Fonte da Bica”, einer oeffentlichen Wasserstelle, die sich ruehmt das beste Wasser in der Bahia zu haben. Hier ist immer was los, zu Fuss, mit Schubkarre, Esel-Fuhrwerk oder Pickup wir das Wasser kanisterweise nach Hause transportiert.

Wir riggen Mast und Segel fuer unser Beiboot “Liese” auf und segeln beladen mit Spielsachen, Kescher und Eimer zur Sandbank. Thorben verbringt hier Stunden mit Sandburgen bauen, Krebse fangen und Wasserplanschen. Bei Flut ist der Spass allerdings vorbei und die Sandbank mit Wasser ueberspuehlt. Wir nutzen die Gelegenheit um mit “Lotte” trocken zu fallen. Dazu muessen wir leider um zwei Uhr nachts aufstehen, um mit dem Hochwasser auf die Sandbank zu fahren. Am fruehen Morgen steht sie dann auf dem Trockenen und wir koennen mit Spachtel und Schwamm den Rumpf von Muscheln und Algen befreien. Langsam steigt das Wasser und als “Lotte” wieder schwimmt, tuckern wir zurueck zum Ankerplatz.

Gemeinsam mit Debbie und Brian, unserern amerikanischen Freunden von der “Dawn Treader”, folgen wir dem Flusslauf des Rio Paraguacu. Begleitet von Delfinen geniessen wir die tropische Landschaft, die an uns vorbeizieht. Abends faellt der Anker vor dem Staedchen Maragojipe. Am folgenden Morgen ist Markttag. Ueber holprige Strassen reisen die Bauern auf ihren Pferde- oder Maultierkutschen an und bieten ihre Ware feil. Bei diesem Angebot faellt es uns schwer zu entscheiden, was wir wo kaufen moechten. “Diese Ananas hier, die Mangos sahen dahinten sehr gut aus, wo waren noch mal die leckeren Maracujas?“ Oder sollen wir evt. noch eine lebendes Huhn mitnehmen? Da haette Thorben endlich jemand zum spielen! Nach einer erfrischenden Trinkkokusnuss erkunden wir mit Debbie und Brian die Stadt mit ihren vielen, meisst verfallenen, Kolonialbauten.

Nach Sonnenuntergang sitzen wir beim Abendessen im Kockpit unserer “Lotte” als ein kleines Fischerboot vorbeifaehrt. Wir winken, koennen aber bei der Dunkelheit niemand erkennen. Ploetzlich macht das Boot leise an unserer Steuerbordseite fest und drei Maenner klettern an Bord. Sie sind mit Pistolen bewaffnet und maskiert. “Cellular, Cellular” schreit der eine und fordert unser Handy. Thorben schreit vor Angst und Amrei wird aufgefordert ihn zu beruhigen. Sascha soll ins Cockpit zurueck wo er unsanft mit dem Fuss zu Boden gedrueckt wird und dabei die Brille verliert. Einer der drei bewacht ihn mit der Pistole am Kopf, waehrend die anderen das Boot ausraeumen. Computer, Kameras, Ipad, mp3-Player, Funkgeraete und Werkzeugkisten werden aus dem Niedergang auf das Fischerboot gereicht. Auch unsere externe Festplatte, auf der alle unsere Fotos der Reise gespeichert sind, nehmen sie mit. Sie sind fuer uns unwiderbringlich verloren, das ist sehr schade! Nach einer Ewigkeit verlassen uns die Maenner wieder. Wir sind unendlich froh, dass uns nichts passiert ist. Erstmal trauen wir uns nicht aus dem Boot raus. Nach einer Weile kommen Brian und Debbie in ihrem Beiboot zu uns gerudert, sie sind ebenfalls ueberfallen worden. Die Taeter haben eine betraechtliche Beute mitgehen lassen. Wir ueberlegen hin und her, wie wir jetzt weiter vorgehen wollen. Die Nacht hier zu verbringen ist fuer uns unmoeglich, deshalb gehen wir ankerauf und tasten uns ganz langsam, im Dunkeln, unter Motor zur Flussmuendung zurueck. Um Mitternacht haben wir unser Ziel erreicht. Thorben schlaeft, doch Sascha und Amrei lauschen auf jedes kleine Geraeusch, an Schlaf ist nicht zu denken. Mit dem ersten Sonnenstrahl des Morgens geht es weiter nach Itaparica.

Nach fuenf Stunden bei der Polizei haben wir langsam die Nase voll. Dreimal, bei drei verschiedenen Beamten, muessen wir unsere Geschischte erzaehlen, damit sie dreimal in einen Computer getippt werden kann. Wohlgemerkt, alle sitzten im selben Raum! Dann noch die Koerpergroesse, Name der Eltern, Familienstand der Eltern …

Der Bug schneidet in die Wellen, hoch am Wind kaempfen wir uns in den Norden von Brasilien, nach Jacare. Bei einer Strecke von 480 Seemeilen ist auch wieder Brotbacken angesagt. Der Geruch der ploetzlich aus der Kajuete kommt riecht aber so gar nicht nach frisch Gebackenem. Flammen zuengeln um den Backofen. Im nu ist alles voll dickem, schwarzem Rauch der das Atmen unmoeglich macht. Jetzt schnell den Feuerloescher aktivieren. Nach gefuehlten fuenf Sekunden ist der leer, aber es brennt immer noch. Durch die Hitze schmilzt die Petroleumzuleitung. Wie ein Flammenwerfer spuckt sie ,das unter 1 bar Druck stehende, Petroleum aus. Amrei gelingt es den Hahn zu schliessen und mit Seeasser haben wir das Feuer bald unter Kontrolle. Es dauert noch eine ganze Weile bis wir die Kajuete wieder betreten koennen um die groesste Sauerei zu entfernen. Wo bleibt nur der “Tatortreiniger” wenn man einen braucht?” Gluecklicherweise kann Sascha den Herd wieder zum laufen bringen und wir muessen die restlichen Tage nicht auf eine warme Mahlzeit verzichten.

In Jacare haben wir uns vor 12 Jahren auch einige Monate aufgehalten. Viel hat sich hier veraendert. Einzig der Bolero wird noch jeden Abend bei Sonnenuntergang, von einem kleinen Boot aus, auf einem Saxofon gespielt.

Wir besuchen unsere Bekannten von damals, den Englaender Brian auf seiner Werft, Christoph, der Deutsche, der heute Segelmacher ist und in Theos Haus wohnt. Den Schweizer Theo, der damals ein Internet-Cafe hatte, treffen wir leider nicht.

Anfang April wollen wir zu den Teufelsinseln und nach Kourou in Franzoesisch Guyana segeln, was wir dort erleben koennt ihr im naechsten Bericht lesen.

Die Fotos sind mit einer einfachen Kompaktkamera gemacht, da unsere Fotoausruestung und Bildbearbeitung den Dieben in die Haende gefallen sind.

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